Buchbeitrag über Kreativität

Vor einigen Tagen erschien das Buch Kreativität in der Fotografie und darin enthalten ist ein Interview von mir zu genau diesem Thema sowie einige Bilder.
Ich wurde im Frühjahr gefragt und fand es spannend mir mal Gedanken darüber zu machen.
Da ich das Buch erst seit einigen tagen habe, kann ich mir kein Urteil erlauben, freu mich aber sehr darauf.
Hier meine drei Antworten:

Was inspiriert Dich?
Ich sehe meine Fotografie wie einen Schwamm und jeden Tag tröpfeln unterschiedlichste Einflüsse drauf. Das sind in den seltensten Fällen Bilder anderer Fotografen, sondern eher Filme, Musik, Landschaften, Architektur oder Interieur. Ich entdecke schöne Dinge, die wie ein Puzzleteil wirken, manche bleiben, andere verpuffen sofort wieder und die meisten setzen sich hinten im Kopf fest und verknüpfen sich erst Jahre später mit den anderen Puzzleteilen.
Ich mag das brodelnde Verschmelzen von Subkulturen und wenn Dinge aufeinandertreffen, die nicht offensichtlich füreinander geschaffen sind. Ein Hip Hop Produzent arbeitet mit einem klassischen Orchester zusammen, ein Modedesigner befragt Kinder zu seinen Entwürfen und lässt die Antworten in seine Arbeit fließen oder ein Architekt der sich im Baustil durch Natur und Pflanzenwelten inspirieren lässt.
So entstehen die wirklich interessanten Dinge und das ist eines meiner größten Ziele, irgendwann genau dort hinzukommen. Das bedeutet natürlich auch Dinge zu schaffen, die nicht im ersten Moment von allen gut gefunden werden.
Ich bin begeistert von dem Künstler JR und Musikern wie Pharrell Williams, M.I.A. oder selbst dem verrückten Kanye West, da sie immer wieder hungrig auf der Suche nach neuen Betätigungsfeldern sind und ihre Ideen gegen bestimmte Meinungen oder Trends durchsetzen.
Projekte mit dieser Herangehensweise werden vielleicht anfangs von Außenstehenden belächelt bis verflucht, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass solche Ideen den größten Einfluss auf die Mode, Musik oder die Fotografie hatten, die willig waren neue Wege zu gehen.
Ich ziehe sehr wenig Inspiration aus der Arbeit von anderen Fotografen aus der deutschen Werbewelt. Nicht weil ich etwa ihre Arbeit nicht schätzen würde, sondern vielmehr weil ich weder mich selber noch andere wiederholen möchte. Ich speicher die Arbeiten dann unter „bereits erledigt“ ab und habe kein Interesse daran genau das gleich etwas abgewandelt erneut zu fotografieren. Jeder von uns wird jeden Tag berieselt oder vielmehr bombardiert mit Bildern- insbesondere meine Adressaten die Art Buyer und Kreativen der Werbeagenturen oder Bildredakteure von Magazinen. Da wird es immer schwerer einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen und das gelingt meiner Meinung nach ausschließlich mit ungesehenen interessanten Bildern und einer eigenen, persönlichen Bilderwelt.

– Sind die Ideen einfach da oder arbeitest Du daran?

Ich weiß nicht ob das nur mir so geht, aber für mich ist auch das Finden von Ideen Arbeit. Richtig schwere, manchmal zermürbende und einengende Arbeit. Die macht mir immer Spaß, aber es ist mitnichten so, dass ich auf dem Sofa sitze und da sprudeln die Ideen einfach so. Ich habe mittlerweile einen Anspruch an mich selber, der dazu führt, dass es viele zu offensichtliche Ideen nicht bis zur Ausführungen schaffen- sowohl bei freien Projekten als auch Jobs. Dieser Prozess darf aber auch nicht lähmen, sondern es muss trotzdem ein Fluss bleiben. Damit haben wahrscheinlich sehr viele Kreative ein Problem und es führt entweder dazu, dass sich Stillstand einstellt oder eben der Output beliebig austauschbar wird. Die wirkliche Kreativität ist dann enorme Arbeit- nicht satt zu werden, sondern immer hungrig auf der Suche nach Ideen zu sein und die Zeit und Motivation zu finden sie auszuführen. Was nützt einem all die sprudelnde Inspiration und kreative Energie, wenn das Bild am Ende des Tages nicht fotografiert bzw. veröffentlicht wird.
Nur das zählt nämlich, der Output. Wenn der kreativ ist, Leute beeindruckt und mich selber glücklich macht, dann kann ich mich zurücklehnen. Alles andere davor spielt eine untergeordnete Rolle, denn niemand da draußen interessiert, wieviel ich auf Blogs herumkucke, wieviele Ideen in meiner Schublade versauern oder was ich über die Arbeit anderer denke und was ich ggf besser gemacht hätte. Kreativität bedeutet auch, den eigenen Glauben nicht zu verlieren und immer wieder herauszugehen und zu machen.

– Nutzt Du irgendwelche Kreativtechniken?

Nicht verkrampfen. Alles was ich oben beschrieben habe, führt bei mir und- wie ich in Gesprächen mit befreundeten Kreativen feststellte- anderen zu lähmenden Stillstand und Unsicherheit gegenüber dem eigenen Schaffen. Der Druck etwas Beeindruckendes zu veröffentlichen auf der einen Seite und die ständige Bremse Angst mangelnde Qualität oder bereits Gesehenes abzuliefern. Davon muss man sich frei machen.
Sobald man als Kreativer verkrampft, kommen keine guten Bilder, keine tollen Grafiken, keine ungehörten Beats heraus. Dann merkt man im Endprodukt immer diese eklige Angespanntheit und gelackten Perfektionismus. Jegliche Lockerheit ist verlorengegangen und das sieht man dem Bild an.
Es hilft manchmal alles ein wenig lockerer zu sehen, bei der ganzen Ernsthaftigkeit. Vielleicht mal Ultimaten setzen und vier Sachen in einem Monat releasen. Oder mal technisch was völlig anderes zu machen. Eine andere Linse oder mal völlig anderes Licht. Etwas produzieren und es jemandem schenken, ohne dass die Welt je davon erfährt. Bereit sein, dass es richtig schlecht wird und sich trotzdem Mühe geben.
Ich arbeite eigentlich immer sehr geplant und habe zunehmend versucht so viele Komponenten wie möglich zu beeinflussen. Da hat es plötzlich zum Lockermachen enorm geholfen, einfach mal mit einer Person und einer kleinen Kamera rauszugehen und draußen aufmerksam nach dem Bild zu suchen. So entstehen dann vielleicht viel weniger sterile, starre Bilder und das wirkt sich dann wieder positiv auf meine geplanten, durchorganisierten Projekte aus.
Am Ende kann man es auf die Essenz reduzieren:
Kreativität blüht insbesondere dann auf, wenn neben der Hingabe und dem Fleiß auch die Lust, Lockerheit und Liebe wild wachsen darf.


 
 
 

Kommentar abgeben: